Wetterextreme halten die Landwirtschaft in Atem: Getreide- und Rapsernte werden niedriger ausfallen - Risikomanagement wird zentraler Erfolgsfaktor

09. Juli 2018 | Von: Daniela Rixen, Landwirtschaftskammer

In Schleswig-Holstein ist die Gerstenernte fast abgeschlossen, amtliche Ernteschätzungen liegen zwar noch nicht vor, die ersten Druschergebnisse schwächerer Standorte zeigen jedoch bei Gerste bereits Mindererträge an. Die Getreideernte ist in diesem Jahr aufgrund der langen Trockenheit und Wärme mit vielen Sonnenstunden ungewöhnlich früh, fast zwei Wochen früher als im vergangenen Jahr, gestartet. Selbst in den nördlichen Landesteilen wurde die Gerstenernte fast schon beendet. Raps- und Weizenernte werden witterungsbedingt abhängig zeitnah folgen.

Deutlich unterscheiden sich 2018 auch die Anbauverhältnisse gegenüber dem Vorjahr: Aufgrund der Niederschläge im Herbst vergangenen Jahres sind rund 25 % weniger Raps und rund 28 % weniger Winterweizen auf den Feldern bestellt worden, dafür deutlich mehr Sommergetreide. Die Landwirtschaftskammer rechnet aufgrund des Witterungsverlaufes vor allem der Trockenheit ab Mai insgesamt mit deutlich geringeren Erträgen und damit einer unterdurchschnittlichen Ernte sowohl bei Getreide als auch bei Raps. Claus Heller, Präsident der Landwirtschaftskammer, betonte, dass sich vor allem die Sommergetreidebestände nicht gut präsentierten. Bei Winterweizen und Raps bleibe abzuwarten, wie sehr die Witterung geschadet habe und ob die geringen Niederschläge in der Kornfüllphase noch einiges kompensieren konnten. Bei Gerste werden unterdurchschnittliche Erträge mit teils regional zu niedrigen Hektolitergewichten gemessen.

Auf dem Betrieb von Heinrich Kröger in Wulfsdorf bei Scharbeutz sieht die Situation ähnlich aus. Kammergeschäftsführer Peter Levsen Johannsen informierte über die möglichen finanziellen Auswirkungen für die Ackerbaubetriebe im Land. Für 2018 stellte er zwei Szenarien vor, die verdeutlichten, dass 2018 kein leichtes Jahr für die Ackerbaubetriebe wird.

Schlimmstenfalls (Worst-Case-Szenario) seien Umsatzeinbußen von 50 % im Vergleich zum Dreijahresschnitt zu erwarten. Bei einem Durchschnittsbetrieb mit 125 ha Ackerbau seien das Erlösminderungen von 81.000 € im Vergleich zum 3-Jahresschnitt. Mitunter kämen Betriebe in diesem Fall sogar in die Verlustzone, das heißt, die familieneigenen Arbeitskräfte, die eigenen Flächen und das eingesetzte Kapital hätten keine Entlohnung – „ein bitteres Ergebnis“, betonte Kammergeschäftsführer Peter Levsen Johannsen.
(Annahmen Worst-Case-Szenario: 125 ha Betrieb, 60 % der Fläche bestellt mit Sommerkulturen, Ertragsverluste bei Wintergetreide von -20 %, Winterraps -30 % und bei Sommergetreide mehr als - 50 % schlechter als im 3-Jahresschnitt).

Szenario 2: Auf den besseren Standorten könnte es glimpflicher ausgehen: Hier sind Erlöseinbußen von rund 13 % zu erwarten. Das entspricht bei einem durchschnittlich wirtschaftenden Ackerbaubetrieb mit 125 ha in der Pflanzenproduktion Erlöseinbußen von rund 21.000 € im Vergleich zum 3-Jahresschnitt. (Annahme: nur 10 % der Fläche Sommerkulturen, Ertragsverluste bei Winterkulturen von -10 % unter dem 3-Jahresschnitt, bei Sommerkulturen von -35 %).

Fazit: Die Landwirtschaftskammer rechnet damit, dass die Ackerbaubetriebe zur Ernte 2018 je nach regionaler Betroffenheit einen erheblichen Liquiditätsbedarf haben werden. Auch für die Futterbau- und Veredelungsbetriebe wird es Auswirkungen geben. Stroh- und Grundfutter sind knapp. Sollte es nicht bald regnen, dürfte auch die Maisernte niedriger ausfallen.

Alle Betriebe werden 2018 Erlöseinbußen zu verzeichnen haben, zumal auch die Erzeugerpreise aufgrund der weltweiten Versorgungslage zwar derzeit steigen, aber nicht in den Himmel wachsen dürften. Die Landwirtschaftskammer befürchtet, dass einige Betriebe durchaus in finanzielle Schieflage geraten könnten. Denn auf Grundlage von Auswertungen landwirtschaftlicher Betriebsdaten des Testbetriebsnetzes hat ein Ackerbaubetrieb in Schleswig-Holstein mit 125 ha im Schnitt der vergangenen drei Wirtschaftsjahre (ein Wirtschaftsjahr in der Landwirtschaft geht vom 1. Juli bis zum 30. Juni) einen Gewinn von nur durchschnittlich 44.000 Euro/Jahr erzielt und einen Eigenkapitalverlust von minus 6.000 Euro zu verbuchen. Kurz: Für den durchschnittlichen Ackerbaubetrieb ist 2018 das zweite schwierige Jahr (nach 2016) bei Getreide und bei Raps das dritte schwierige Jahr (2016, 2017, 2018) in Folge.

Fazit: Wenn man davon ausgeht, dass die durchschnittlich wirtschaftenden Ackerbaubetriebe im Referenzzeitraum der vergangenen drei Wirtschaftsjahre (2014/15, 2015/16, 2016/17) von der Liquidität her, also Zahlungsfähigkeit, gerade zurechtgekommen sind, bedeutet das Jahr 2018 eine massive finanzielle Belastung für die Betriebe.

Betriebsleiter Heinrich Kröger sagte
in diesem Zusammenhang, dass die Landwirte sich ihrer Verantwortung bewusst sind und bezüglich Düngeverordnung und Pflanzenschutz nachbessern werden. Er betonte aber auch, dass man sich vom Land eine finanzielle Unterstützung bei der Einführung von mehr Fruchtfolge wünsche, gerade in Bezug auf die Risikostreuung.

Christian Wegner, Landhandel Ströh, betonte bezogen auf erwarteten Mindererträge bei Getreide und Raps in Schleswig-Holstein: „ Das bedeutet für uns als Handelsunternehmen sowie nachgelagerten Unternehmen  in der Region auch Einbußen. Wir rechnen damit, dass Liquiditätsengpässe für unsere Kunden ausgleichen werden müssen. Bezüglich der Preissituation erwarten wir bei Getreide aus der aktuellen Bewertung der Wettersituation und des stabilen Welthandels weiter ein stabilisiertes und noch ansteigendes Preisniveau. Für Ölsaaten sehen wir weiter volatile Märkte durch sich verändernde politischen Rahmenbedingungen.

Landhandel Ströh ist ein 100 % tiges Tochterunternehmen von Landhandel Stöfen mit Sitz in Bad Oldesloe. Das Handelsgeschäft erstreckt sich über Schleswig-Holstein bis Schwerpunkt Mitte Mecklenburg. Das Handelsgeschäft beinhaltet die Misch- und Saatenproduktion sowie den Handel mit Getreide/Raps, Dünger und Pflanzenschutzmitteln.

Konsequenz: Risikomanagement optimieren
Der Rückschluss aus den ökonomischen Auswirkungen ist: Das Risikomanagement in der Landwirtschaft gewinnt immer mehr an Bedeutung und wird zum zentralen Erfolgsfaktor eines Betriebes. Folgende Maßnahmen mindern das Unternehmerrisiko:
  • Pflanzenbauliches Risiko: Es sollten verschiedene Kulturen und jeweils verschiedene Sorten angebaut werden, um Wetter- und Ertragsrisiken und Preisrisiken abzupuffern und die Standorte resilienter zu machen.
  • Markt-/Preisrisiko: Außerdem sollten Markt-/Preis- und Vermarktungsrisiken abgesichert werden. Dafür sollten die Preise durch Vorkontrakte oder über die Warenterminbörse abgesichert sowie unterschiedliche Absatzwege genutzt werden.
  • Finanzielles Risiko: Schließlich sollten durch ein abgestimmtes Finanzmanagement finanzielle Risiken, die jeder Unternehmer zu tragen hat, abgefedert werden. In guten Jahren sollten, wenn möglich, Rücklagen für schlechte Jahre gebildet werden.
  • Jeder Betrieb sollte seine Zahlen kennen und demnach frühzeitig anstehende Liquiditätsengpässe kalkulieren und mit der Hausbank und/oder dem Handel bei Engpässen nach Lösungen suchen.
Landwirtschaftskammer bietet Beratung
  • Die Landwirtschaftskammer bietet hier vielfältige Beratung an. Im Pflanzenbau gibt es Empfehlungen zur Fruchtfolgegestaltung, der Sortenwahl und der Bestandesführung von der Aussaat bis zur Ernte. Wichtig ist insbesondere, welche Sorten für welchen Standort unter den sich verändernden Witterungsbedingungen geeignet sind. Dazu führt die Kammer an insgesamt acht Versuchsstandorten im ganzen Land entsprechende Feldversuche durch, deren Ergebnisse in die Praxis über die Beratung während des ganzen Anbaujahres einfließen.
  • Außerdem berät die Kammer, wie die strategische Ausrichtung eines Betriebes sein könnte und wie bei finanziellen Engpässen zu verfahren ist, das gilt auch für Betriebe, denen Zahlungsunfähigkeit droht.
  • Die Betriebe müssen sich schon heute der Zukunft stellen. Neben den Auswirkungen von der aktuellen Ernte geht es darum, die Regelungen der neuen Düngeverordnung umzusetzen. Auch weitere Gesetzesvorgaben und eine sich bereits ankündigende andere gemeinsame Agrarpolitik (GAP) hin zu mehr Gemeinwohlleistungen machen Anpassungsmaßnahmen erforderlich, die mitunter auch mit Investitionen und höheren Produktionskosten für die Betriebe verbunden sind, um auf lange Sicht wettbewerbsfähig zu bleiben.
Hintergründe zum Markt
Aufgrund der Trockenheit und derzeitigen Meldungen über geringere Ernteerträge ziehen die Erzeugerpreise an. Weltweit wird aber wieder eine große Getreideernte erwartet, wenn sie auch niedriger als die Ernte 2017 geschätzt wird. Die Erzeugerpreise dürften also nicht in den Himmel wachsen. Die Getreidepreise liegen derzeit über dem Vorjahresniveau. Raps profitiert zum einen von der EU-weit geschätzten engen Versorgungslage, zum anderen sorgen Konkurrenzprodukte wie Palmöl und Sojaöl zur Biodieselerzeugung für Druck auf den Rapspreis. Aktuell bewegen sich die Rapspreise auf dem Vorjahresniveau. Aber Wetterveränderungen und der Handelskrieg zwischen den USA und China können die Märkte und Raps- und Getreidepreise schnell wieder in andere Bahnen lenken.

Weitere Anfragen an: Daniela Rixen, Pressesprecherin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, Telefon: 0 43 31-94 53-110, E-Mail: drixen@lksh.de

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