Schwerpunktthema: Bevorstehende Getreideernte im Fokus

Überblick zu Entwicklungen und Prognosen vor der Ernte

Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine verändern spürbar die Situation auf dem internationalen Getreidemarkt - gestörte Abläufe der Lieferketten, erhöhte Transportkosten, Knappheit von Containern und Schiffen, ungewöhnliches Konsumverhalten der Verbraucher und nicht zuletzt die drastischen Preisanhebungen im Energiesektor treiben die Preise in die Höhe. Diese Rekordpreise bei den Rohstoffen gehen einher mit täglich enorm schwankenden Terminkursen sowie Versorgungsschwierigkeiten am Markt. Das Preisniveau am Getreidemarkt ist über jegliche Erwartungen hinausgeschossen.

Weizen kostet fast doppelt so viel wie in den Vorjahren (Spitzenpreise von 400 €/t), die Nachfrage bleibt trotzdem hoch. Gerste, Roggen und Triticale durchbrachen und halten seit Ende Februar die Marke von 300 €/t.

Hintergrund für die Entwicklungen: Die bereits knappe Versorgungslage im Wirtschaftsjahr 2021/2022 (Ernteeinbußen in den USA und Kanada, schwache Hektolitergewichte und geringere Qualitäten hierzulande und auch beim größten europäischen Exporteuer Frankreich) kurbelte die Nachfrage am Weltmarkt an. Die Ernte floss zügig ab und verdoppelte bereits im Spätsommer die Exportraten auf europäischer Ebene zum Vorjahr. Gesteigertes Kaufinteresse auf lokaler Ebene trug ebenfalls dazu bei. Im Oktober stiegen die Erdgaspreise um das 5-fache durch den wirtschaftlichen Aufschwung nach Entspannung der Coronapandemie. Der Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine als eine der wichtigsten Kornkammern der Welt schüren globale Versorgungsängste am ohnehin knappen Getreidemarkt und befeuern die Preisspirale weiter nach oben, eine Entspannung ist erstmal nicht in Sicht, auch wenn die Ernte gut ausfallen sollte. Laut IGC (Internationaler Getreiderat) besteht für das diesjährige Vermarktungsjahr die Chance, einen Vizerekord der vergangenen 20 Jahre einzufahren. Trockenheit in vielen Anbauregionen könnte die Erwartungen jedoch noch dämpfen, auch in Deutschland. Hierzuland wird mit einer durchschnittlichen Ernte gerechnet.

In der ersten Hälfte des Wirtschaftsjahres haben steigende Preise den deutschen Export beschleunigt. Es wurden 5,3 Mio. Tonnen Getreide mehr ausgeführt. Die Importe gingen um 15 % zurück.

 

Exportprognosen für Europa und Deutschland

2022/23 wird mit gesteigerten Getreideexporten aus Europa gerechnet. Solange die Getreidelieferungen aus der Urkaine gestört sind, stehen die Exportchancen gut. Laut IGC erreicht die von Mais und Getreide  in der EU zusammen nicht das Vorjahresvolumen. Die Lagerbestände werden sich in der Folge um ein Viertel reduzieren. Gegenüber dem Fünfjahresschnitt geht in diesem Jahr eine Mehrproduktion bei Weichweizen, Körnermais, Gerste, Hafer und Roggen zulasten des Anbaus von Hartweizen, Triticale und Sorghum. Die Fläche für Körnermais sticht mit einem Plus von 6 % heraus und könnte die größte europäische Ernte seit 2015 hervorbringen. In Deutschland ist die Körnermaisfläche ausgeweitet worden, unter dem Strich wird trotzdem ein Produktionsrückgang erwartet. Die Schätzungen des DRV zeigen, dass deutsche Landwirte vermehrt auf Sommerungen setzten, ein sichtliches Ergebnis des Preisverlaufs. Weil die im Verhältnis größten Preisanstiege des Wirtschaftsjahres nach der Aussaat entstanden, war die Frühjahrsaussaat der erste Zeitpunkt, an dem Landwirte aktiv auf die Entwicklungen reagieren konnten. Die Sommerweizenfläche ist um 15 % gewachsen, die für Sommergerste um 10 %. Trotz der schwierigen Verfügbarkeit von Düngemitteln werden die Getreideerträge mit Ausnahme von Gerste höher als im Vorjahr erwartet. Viele Landwirte haben einen Teil der Ernte preislich abgesichert zu sehr unterschiedlichen Kursen.

Die Ausgangslage für die diesjährige Getreideernte ist weltweit angespannt. Der Witterungsverlauf sorgt immer wieder für Korrekturen bei den Ernteprognosen. Werden die aktuellen Zahlen erreicht, so kann die hohe Weltmarktnachfrage zwar theoretisch gedeckt werden, aber die Lagerbestände bei den Exporteuren sind erneut rückläufig. Für Schleswig-Holstein sind die Ertragsaussichten gut. Die Preise liegen zum Teil doppelt so hoch wie in den Vorjahren, eine Rückkehr zum Ausgangsniveau ist im Wirtschaftsjahr 2022/23 unwahrscheinlich.

Weitere Ausführungen finden Sie auch in der Bauernblattausgabe 23 vom 11. Juni 2022, S. 47 ff.

Caroline Hertell, Landwirtschaftskammer SH